Felix Deutschland  (E-Mail nur eingeloggt Sichtbar) am 26.02.2016 15:23 Uhr
Thema: Who watches the Firewatch?
Hatte es Anfang letzter Woche gekauft und am selben Tag durchgespielt. Fand es sehr gut, wusste aber nicht, was ich darüber schreiben soll.

Firewatch kann ruhig gefeiert werden, da es eine tolle Athmosphäre mit einer Story kombiniert, die weder doof ist noch abstrus oder auf irgendwelche "Twists" und "Reveals" setzt. Storytellingtechnisch ist das eines der dichtesten und stringentesten Spiele, die ich je gespielt habe. Man kann nicht einfach so aus der Linearität der Erzählung rausglitchen oder mit den Triggern bescheißen. Es kombiniert Raumerfahrung sehr gut mit der Erzählung - der bespielte Raum kontrastiert oder doppelt das Geschehen, oft auf subtilere Weise als man denkt. Es gibt keine Rätseldramaturgie im eigentlichen Sinne, was ich auch erstaunlich finde: Man muss keine "Clues" sammeln, um sich irgendeine "wahre" Geschichte rauszuarbeiten, sondern einfach nur das angucken, wozu einen das Spiel bringt, es sich anzugucken. Keine Sammelitems, die einen aus der Scheiße rausziehen (Wenn man die Caches als Sammelitem betrachtet: Zu jeder wird man vom Spiel hingeführt), es gibt aber auch ein, zwei kleine Seitenarme zu entdecken, die einen etwas ablenken und vielleicht auf eine "falsche Fährte" führen, aber das Spiel bentutz weder allzu billige Tricks noch wird es zum Ende hin nervös. Viele Spiele packen in den dritten Akt auf einmal tierisch viel Crap rein, aus Angst und fehlendem Selbstvertrauen, in den zwei Akten zuvor nicht genug auf die Kacke gehauen zu haben. Da ist Firewatch sehr souverän und verlässt sich auf die eigenen Stärken, was man auch SEHR selten hat.

Ich fands fünf Euro zu teuer, und auf PS4 ruckelt es trotz hardwaretechnisch anspruchsloser Grafik, aber das tat meinem Spaß schnell keinen Abbruch mehr. Ich mag es, dass das Spiel keine MEGADRAMATISCHE Geschichte, in der ALLES AUF DEM SPIEL STEHT erzählt, sondern eine kleine, übersichtliche, aber feine Story, fast in der Art eines Hörspiels. Unglaublich angenehm.

Was ich aber bemerkenswert fand, war der fast absurd bescheuerte Anfang, wo man in Texttafelform durch die Backstory der Spielerfigur gejagt wird. Da dachte ich zuerst auch "Oha, das wird wohl richtig, richtig, RICHTIG scheiße!", aber das täuscht. Ich kann mich nicht daran erinnern, je ein Spiel mit einem derart schlechten Anfang gespielt zu haben, dass mich danach derart schnell doch noch auf seine Seite bekam. Wenn man den Plot des Spiels nacherzählen würde, bspw. seinen Kindern am Lagerfeuer, dann wäre das immer noch eine gute Geschichte. Aber der Anfang ist völlig behämmert. Sogar zwischen einzelnen Texttafeln existieren völlig unnachvollziehbare tonale Umschwünge. Beispiel:

"Ich stehe in einer Bar und nasche aus einer Schale Nüsschen. Eine schöne Frau kommt auf mich zu, wir unterhalten uns über pyroklastische Ströme und Subduktionszonen. Sie bietet mir ein Hubba Bubba mit Apfelgeschmack an."

Nächste Texttafel:

"Wir sind verheiratet. Ich bin Alkoholiker. Durch das viele Fremdgehen hat sie das AIDS. Alles ist scheiße."

Völlig Banane. Ich hab das jetzt nur sinngemäß, und nicht genau inhaltlich wiedergegeben, auch wenn das alles in den ersten fünf Minuten nach dem einschalten des Spiels passiert und eigentlich kein Spoiler ist, aber am Ende weint sonst wieder einer. Ich hab erheblich größere Hemmungen, Sachen zu spoilern, die tatsächlich eigentlich ganz gut sind, als Sachen, die ich für Mist halte und Spoiler dort für einen vorbildlichen Dienst zugunsten der Allgemeinheit. Bisher hat sich noch niemand beschwert, und ich habe ohne Spoilerwarnung bspw. Dexter oder letztens die Akte-X-Miniserie gespoilert. Warum ich über Spoiler rede in einem Firewatch-Thread? Och, nur so.
< Auf diese Nachricht antworten >